Flasche, Gartenschlauch und Kafkas’ Stubentiger

 

Die Collagen von Sigrid Herffs (li.) lassen einen fröhlichen, knobelnden Menschen erahnen. Rechts ein Schlauchkasten aus Kallmünz, von Herta Wimmer-Knorr: Alltägliches neu geformt. Fotos: Knauber

Zwei Künstlerinnen im Kunst & Museum von Hollfeld: Eine bleibt dicht bei sich,
dieandere knobelt still am PC

 HOLLFELD — Sieht man die Kästen von Herta Wimmer-Knorr mit
den roten Schläuchen und alten Plastikflaschen,ist der erste Eindruck:
Gar nicht so schlecht von der Idee her, da muss man erst mal drauf kommen.
Und der zweite: Da ist jemand, der so vorgeht, wie er sich fühlt. Der
aus Dickem und Wurstigem etwas Elegantes macht.

Das trifft ihren Kern: Die Keramikerin aus Kallmünz, die als 21-Jährige
ein Jahr in Israel verbrachte und jetzt, mit 52, alles andere macht als
Keramik, hat Lust drauf, mit billigen Wegwerfdingen so zu spielen, „damit
sie schön erscheinen“.

„Das ist instinktiv, in meinem Unbewussten“, sagt sie. „Das ist schon
lange mein Thema: Das Durchdringen, Verschlingen und mit Industriematerial
arbeiten.“ Herta Wimmer- Knorr möchte ästhetische Dinge entstehen
lassen — „und der Betrachter muss dann selber gucken, was er
dran findet“.

Monumentale Holzquader
Aber diese Schlauchvariationen,
die es auch als große Skulptur gibt, sind nicht alles. Herta Wimmer-
Knorr sorgt daneben für erstaunliche andere Projekte. So entwarf sie am
Drachensee in Furth im Wald eine 15 Meter lange rostige, krumme Tüte,
von innen begehbar, die elf Meter übers Wasser ragt und leuchtet. Oder
sie baute an einem Würfel aus monumentalen Eichenholzquadern, begehbar.
Auch steckt sie ganz kleine Spielfigürchen auf Plastikwiesen und in
aufgesägte Bücher, nachdenklich und kritisch: Kritisch gegen den Menschenmord
in Bosnien oder gegen den Papst.
All das ergibt am Ende ein Bild: Sie ist eine sympathische Künstlerin
ohne Anbiedern.

Genauso sympathisch ist Sigrid Herffs aus Düsseldorf. Die Illustratorin
und Designerin, 44, hat verborgenes Talent. Denn was sie in Hollfeld
zeigt, ist nur ein Bruchteil ihrer Palette. Daneben malt sie schön wie
für Kinderbücher, schräg wie für Punks und intellektuell wie für den
Spiegel. Bei solchen Zeitschriften brachte sie schon Zeichnungen unter,
gewann Plakatwettbewerbe und bekam Preise.

Nach Hollfeld gibt Sigrid Herffs drei Themenblocks: „Kafka &
Katze“, „Krimi“ und „Textiles“. Alle drei wurden so ausgelöst, wie sie es
am Liebsten hat: Ohne Vorwarnung. „Dann klappt erst einmal nichts.
Aber wenn ichmich durchbeiße, kommen spannende, überraschende
Sachen raus.“ Zu Kafka gab es eine Ausschreibung der Kafka-Gesellschaft.
Sigrid Herffs suchte sich deshalb eine kleine Fabel aus seinem
Werk, illustrierte aber nur Stichpunkte, keine Szenen: „Ich wollte
bloß die Stimmung einfangen.“

Von Leiche bis Witwe
In Sachen „Krimi“ wurde sie von einer Kollegin angesprochen, ob sie
nicht zu einer Krimi-Nacht beisteuern kann. Sigrid Herffs erinnerte sich
an die Krimis ihrer Jugend, sammelte Stichworte von „Leiche“ bis
„Witwe“ und entwarf dazu: „Der Betrachter kann sich jetzt eine
Geschichte einfallen lassen.“ Das „Textile“ war ein Thema in
einer Künstlergruppe. Die Designerin, längst aus der Werbebranche geflohen
(„ich war unzufrieden, weil jeder in deine Arbeit reinredet“), setzte
auf ein neues Werkzeug, den Computer. Über Jahre hatte
sie sich mit ihm vertraut gemacht. Sie war froh um seine schnellen
Farbänderungen und die leichte Korrektur.
Jetzt fügte sie besonderes „Textiles“ auf den Bildschirm: „Jedes
Wäschestück hat diese blöden Bügel- Symbole. Das hat mich fast zur Gesellschaftskritik
gebracht: Frauen, wie sie zu Hause bügeln.“ Diese Symbole
verknüpft Sigrid Herffs mit Texten und Picknick-Tüchern. Alles
steht angenehm leicht und ebenmäßig da. „Ich hab Spaß an flächigen
Sachen. Das Dreidimensionale ist nicht nötig.“

Wer all diese abstrahierten Bilder sieht, spürt, wie sie als innerlich lustiger
Mensch zurückgezogen an den Dingen knobelt. Ihren kleinen
Schreibtischgarten (oder Elfenbeinturm) verlässt sie selten mit freiem,
selbstbewusstem Strich. Aber sie sollte es tun: Denn dieses Zeichnen
von Hand gibt viel mehr Charakter als das Zusammenschieben von Teilen
am PC. (Bis Ende Dezember in der Eiergasse, www.kunst-kulturhollfeld.de)

THOMAS KNAUBER
23.10.2009

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