Lichtvolle Blüte und kleiner Mensch in Bronze

Kunst in Hollfeld: Verblüffende Fotos mit der Großbildkamera, feine Kleinfiguren und düstere Computer-Welt
 
HOLLFELD - Was an Werken bei der großen "Internationalen Hollfelder Kunstausstellung" besonders ins Auge fällt, kommt im Laufe des folgenden Jahres zurück in die Stadt, in die Galerie "Kunst & Museum". Dann ist es oft wie eine Offenbarung: Was zuvor, im Juli, nur mit einem einzigen Bild faszinierte, wird plötzlich zum breiten Porträt. Jetzt, bis 2. April, sind so ein Fotograf, eine Bildhauerin und ein Computer-Collagist zu erleben.
Waldemar Stoffel stellt die eindrucksvollsten Werke aus. Es sind meterhohe, brillant scharfe Fotografien auf Translucent-Folie hinter Plexiglas, von hinten beleuchtet.
Sein eines Thema sind Felsblöcke, fast in Originalgröße, und das andere "Blüten".
Stoffel (37) ist ein feinfühliger Mensch mit besonderer Beziehung zur Natur. Für diese Ausstellung wollte er Blüten in der fernen Bretagne fotografieren. Er fuhr im Mai hin, erlebte aber eine Enttäuschung: Denn durch das kalte Frühjahr gab es keine. In der Not wandte er sich den kleinen Menhiren daneben zu: "Die haben ja irgendwas Mystisches." Er wartete bedeckten Himmel ab, um keine Schlagschatten zu bekommen, und zwei Freunde spannten ein schwarzes Tuch hinter die Steine, so dass nur der Fels und ein bisschen Gras aufs Bild kamen. Mit seiner Großformatkamera stellte Stoffel dann den Schärfenraum speziell ein - und war beeindruckt vom Ergebnis.
Auf diesen Menhir-Fotos ist jede Flechte zu erkennen und jeder Pilz, dazu jeder Stängel im Gras. Mancher biegt sich wie eine kunstvolle Skulptur.
Waldemar Stoffel, bei Bonn aufgewachsen, studierte zunächst Skandinavistik und Philosophie, bevor er nach Antwerpen auf die Akademie für Fotografie ging. Dann wurde er freier Fotokünstler mit -zig Themen, von Porträts über "Parks" bis zur Plastikspielwelt, von Betonbunkern des Atlantikwalls bis zu kalter Architektur und zu Wassertürmen.
Erst jüngst suchte er sich wieder ein paar Blumen, weil es mit der Bretagne nicht so hingehauen hatte: "Ich wollte da ja die Blüten genauso isolieren wie jetzt die Steine, vor dem Schwarz. Ich hab's also im Studio probiert. Ich bin nachts durch die Vorgärten der Nachbarschaft und hab Blumen dafür geklaut." Entstanden sind überaus eindrucksvolle Einzelaufnahmen von Rosen und Baldrian. Sie stehen auch im Gesamtwerk von Waldemar Stoffel als etwas Neues da, fern seiner bisherigen Themen.
Der sympathische Fotokünstler kann aber von seiner Arbeit nicht leben. Er jobbt im Augenblick bei "Sony" im Lager.
Aller Finanznot zum Trotz fühlt er sich von seinen packenden Fotokästen selbst auf eine neue Bahn gebracht. "Licht fasziniert mich jetzt. Ich werd da mehr machen und vielleicht die Fotografie verlassen." Gegen diese großen Fotos wirken die kleinen Bronzeskulpturen von Sybille Waldhausen (42) noch zierlicher. Aber das ändert nichts an ihrer Qualität. Sie entsteht, weil die Berlinerin ein ganz herzlicher, zurückgezogener Mensch ist, der langsamund in tiefer Stille formt. Ihr Thema sind die Stimmungen des Menschen. So widmet sie eine kleine Arbeit den vietnamesischen "Boatpeople", die voller Hoffnung der Freiheit entgegentreiben. "Die Fernsehbilder darüber bleiben so flach. Es scheint nicht wirklich und ist doch wirklich. Ich hab probiert, die Hoffnung und Gefahr zu verbinden." Dieses schmale Bronzeboot mit seiner zur Wand gefügten Flüchtlingsschar drückt tatsächlich eine unglaubliche Hoffnung aus. Genau in die entgegengesetzte Richtung führt eine Einzelfigur, die "Madonna". Sie scheint wie gebrochen und verlassen. "Es ist eine Mutter, die ihr groß gewordenes Kind hergeben muss", sagt Sybille Waldhausen. "Aber es ist eine Station auf der Lebensreise, etwas, das uns allen passiert." Drei andere, äußerlich hässliche Frauen stehen auf hohlen Würfeln mit Fensterloch. "Diese Würfel sind die bedrohliche Großstadt. So bedrohlich, dass man manchmal verrückt werden kann." Sybille Waldhausen liebt solche Darstellungen. Und obwohl sie ihre Figuren grob zusammendrückt, liegt immer ihre bescheidene Fröhlichkeit darin. Dasmacht ihre Kunst anziehend.
Sybille Waldhausen ist übrigens nicht nur auf kleine Figuren spezialisiert. Siemacht auchmeterhohe Skulpturen oder arbeitet groß mit Eisen. Aber viel scheitert am Geld.
Der Dritte im Bunde ist Hisham Zrake, ein Software-Entwickler aus Erlangen und ein reiner Computerkünstler.
In Nazareth geboren, ist er jedoch geprägt vom Überlebensdrama der Palästinenser und auch von Jesus: "Er hat da gelebt. Ich hab das immer im Hinterkopf. Ich kann das nicht verlassen." Hisham Zrake wurde vielleicht durch diese Herkunft zum Denker. Seine Bilder, sämtlich am Computer entworfen und dann ausgedruckt, sollen seine Ansicht über das Leben, die Gesellschaft und den Tod weitergeben. "Für mich ist Kunst ein Weg des Kommunizierens. Ich kann die Menschen besser durch Kunst und Gefühle erreichen als durch Vernunft." Wer auf seiner Homepage durchklickt, was er schafft, erschrickt allerdings. Es sind überwiegend düstere Collagen mit isolierten Menschen - obwohl Hisham Zrake privat gesehen ein fröhlicher junger Mann ist. Aber innerlich hängt er nur an einem Thema: Leben und Tod. "Die Aussicht auf den unausweichlichen Tod", sagt er, "ist der wichtigste Antrieb für uns, unser Stück Leben bis dahin intensiv zu füllen. Ohne dem würden wir bequem und starr." Seine düsteren, selten attraktiven Montagen konstruiert er bewusst aneckend: "Sie sollen einen Schock auslösen und unsere Gedanken paralysieren. Dann kann ich direkt mit dem Herzen sprechen." Viele seiner Bilder sind ein Spiegel seines Innern. So entstand zum Beispiel ein Zimmer mit Kinderfoto von ihm und mit rotem Dreirad: "Ich selbst komm darin nicht vor. Es ist ein Leben ohne mich. Ich war da sehr deprimiert." Geht es Hisham Zrake gut, dann malt er sich einen Schmetterling in den PC und druckt ihn, was inzwischen sogar auf Leinwand möglich ist: "Er ist mein Symbol für Hoffnung."
THOMAS KNAUBER

Nordbayerische Nachrichten
21.01.2006

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