HOLLFELD. „Je preiser ein Werk gekrönt wird, desto durcher fällt es“, soll ein überdekorierter Künstler geseufzt haben. Oder war es nur ein unterdekorierter Neider? Beide jedenfalls würden bei der 31. Internationalen Hollfelder Kunstausstellung eines Besseren belehrt. Die dort von der Sparkasse Bayreuth und von den Hollfelder Kulturfreunden prämierten Werke sind alles andere als spröde, intellektuell überfrachtete, einsiedlerische Geistesblitze. Sie suchen vielmehr nach Kommunikation mit dem Betrachter – ja fordern sie geradezu heraus. Besonders Preisträger Nummer zwei springt die Besucher mit seinem „Lichtblick“ im Hollfelder Kulturzentrum St. Gangolf förmlich an. Sein Schöpfer, Peter Schoppel aus Gundelsheim, freut sich so sehr über den neuen, frischen Wind im Weißen Haus, dass er zum Mitjubeln animieren will. Stars and Stripes? Nein, Wahlkreuze statt Sterne, ein schier endloser Stimmzähl-Zettel und die EDV-verschlüsselte frohe Botschaft: Die Stimme der Vernunft regiert in Washington. Ost-westlich etikettiertes Kunstdenken ist also überwunden – Kunst darf wieder politisch sein, hat also einen Teil ihrer ursprünglich universalen Unschuld zurückerobert. Sie darf, aber muss nicht. Preisträgerin Nummer eins privatisiert nach altem Brauch, will aber auch Augen öffnen. Mücken: Wir schlagen auf sie ein, haben Sprays gegen sie entwickelt nach dem Motto „Nur eine tote ist eine gute“. Esther Glück aus Berlin hat sich zwar auch mit toten befasst, aber nur, um jeder einzelnen von ihnen ein Requiem zu widmen. Das soll nicht die Wertschätzungsskala der Schöpfung revolutionieren, aber den Sinn fürs Schöne schärfen.Wir derschlagen sie und schnippen sie weg. Esther Glück sammelt sie und legt sie mit oder ohne sichtbare Blessuren unters Mikroskop. Ja, da schau her, wie filigran, wie zart und sogar zärtlich so ein Plagegeist von seinem Schöpfer gebaut wurde! Mit Geduld und Scherenhilfe kann man ihn nachschöpfen und zig-Mal vergrößern, indem man ihn als Scherenschnitt abbildet. Derlei kann man sogar an Nadeln aufspießen und präsentieren wie der Naturforscher vom alten Schlage seine Schmetterlinge. Das nennt man „Schnakeln“, hat Esther Glück beschlossen.
Preisträger/in Nr. 3 heißt Heidi Lauter, stammt aus Bad Kissingen und befasst sich als eine(r) unter vielen mit dem schier endlosen Ausstellungsthema Licht. Sie hat es in den Situationen eingefangen, wo es am kostbarsten ist: in der Dämmerung. So entstanden Impressionen, wie wir sie von Abenden oder vom „Ufer“ (Titel) eines Gewässers her kennen. Man könnte sie in der Wiedergabe für Fotos halten, vor dem Original aber entdeckt man Lauters meisterliche Maltechnik.
Was vor Jahren verpönt war, ist also wieder erlaubt. So freut man sich besonders über die Preisträger, deren „Lohn“ darin besteht, uns im kommenden Jahr bei einer der vier geplanten Hollfelder Quartalsausstellungen mit weiterer Kunst beschenken zu dürfen. Kostproben? Jürgen Schnelle aus Berlin zeigt schon mal temperamentvolle Farbholzschnitte mit drei Variationen zum Thema „Himmel. Wolken“. Andere bereichern den Ausstellungsteil im Wehrgang der Burg Freienfels: Robert Pfann (Heppenheim) mit fotoähnlichen, höchst züchtigen Teilakten; Ulrich Köditz (Weitramsdorf) mit Phantasien darüber, wie sich ein moderner Mensch „Auf dem Weg nach Knossos“ in das Labyrinth des Minotaurus fühlen könnte. Dass Abstraktion immer noch mit gutem Grund erlaubt ist, beweist Almina Pongratz aus Fürth mit der baustahlhaltigen Collage „Urbanes Grün“, die uns über die Tristesse zugebauter, aber immer noch lebendiger Natur hinwegtröstet. Gleichzeitig hält sich aber meine Wiedersehensfreude mit René Fabers (Weil am Rhein) titel- und farblosen Farb-Rechtecken in Grenzen.
Stattdessen ist es bedauerlich, andere vorerst nicht mehr wieder zu sehen, etwa die Foto-Künstler Edin Bajric aus Hannover (zwei Versionen von einem überaus narzisstischen „Narziss“ und Michael Wagner (Heidelberg) mit digital erzeugten Visionen dessen, was er sich unter „Quantenflug“ vorstellt. Die Liste ließe sich bei den zwei sehenswerten Schauen verlängern bis hin zu jener einzigen Person, die (im Gangolf) diesmal das Ausstellungsprädikat „international“ rechtfertigt: Eugenia di Lorenzo aus Italien zeigt ihre malerische Phantasie-Versteinerung „Flower from Saturn“ im dies verschleiernden Halbdunkel des Gangolf-Wehrturms. Summa summarum: Eine Hollfelder Sommerausstellung, die ihr hochgestochenes „international“ nicht braucht, um ihre Qualität zu beweisen.
Die jetzige Sommerausstellung ist bis zum 16. August täglich von 14 bis 17 Uhr an beiden Standorten geöffnet.
Hintergrund:
Die Große Hollfelder Kunstausstellung fand erstmals 1978 zur 650-Jahrfeier der Stadt Hollfeld im dortigen Bürgerspital statt. 1989 kam das lange ungenutzte Wittauerhaus als Ausstellungsort hinzu. Heuer wird es wegen der relativ kleinen Menge der Exponate nicht mitgenutzt. Dafür blieb das seit 1996 mitgenutzte Schloss Freienfels als Ausstellungsort erhalten – und natürlich die erst vor einigen Jahren aufwändig restaurierte, jetzt „säkularisierte“ St.-Gangolfs-Kirche. 168 Künstler bewarben sich 2009 für die Teilnahme, 27 wurden schließlich ausgewählt. Die Preise wurden von einer unabhängigen Jury ermittelt. Der 1. Kunstpreis der Sparkasse ist mit tausend, der zweite mit 500, der dritte mit 250 Euro dotiert. Für den Förderpreis der Hollfelder Kultufreunde gibt es 200 Euro. Die Ausstellung ist einer der Hauptkatalysatoren für Hollfelds mittlerweile reges Kulturleben, das ganzjährig in dem werkstattmäßigen „Kunst & Museum“ Töpfer, Maler, Designer und Bildhauer präsentiert.
Gero v. Billerbeck
04.08.2009
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